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Mo, 01.03.2010Das war "ein Wunder biblischen Ausmaßes" Christian Führer liest in der Emmauskirche

Aufmerksame Zuhörer fand Christian Führer in unserer Emmauskirche

Aufmerksame Zuhörer fand Christian Führer in unserer Emmauskirche

Früherer Pfarrer der Leipziger Nikolaikirche erzählt in der Emmauskirche von der friedlichen Demonstration in der früheren DDR.

 

Eine erste Erfahrung mit der Bergpredigt hat Christian Führer als Grundschüler gemacht, als ihm auf dem Schulhof ein älterer Schüler ohne Vorwarnung eine Ohrfeige verpasste und kurz darauf mit den Worten: "Jesus hat doch gesagt, wenn einer dich auf die Backe schlägt, sollst du auch noch die andere hinhalten" eine zweite. Schon damals hat der spätere Pfarrer der Nikolaikirche in Leipzig und Initiator der Friedensgebete eine Ahnung davon gehabt, dass das Gesetz der Vergeltung um jeden Preis nur Verletzte und Krüppel hinterlasse und die Eskalation in sich trage.

 

Umso mehr habe es ihn erstaunt, dass in jenen Tagen im Oktober 1989 in Leipzig und später auch in anderen Städten der damaligen DDR die Demonstranten mit den zwei schlichten Worten "Keine Gewalt" die Bergpredigt wörtlich genommen haben. Für ihn sei das "ein Wunder biblischen Ausmaßes" gewesen, denn schließlich seien die Menschen dort über Jahrzehnte atheistisch erzogen worden, erst unter den Nazis, dann unter den Kommunisten.

 

Rund 180 Zuhörer sind auf Einladung des Kulturkeises Visbek in die Visbeker Emmauskirche gekommen, um Führer zuzuhören, der nicht nur aus seinem Buch "Und wir sind dabei gewesen" liest, sondern viel erzählt aus jenen bewegten Monaten und Tagen, die schließlich zur Wiedervereinigung Deutschlands führen sollten. Und aus seiner Kindheit und Jugend, in der in einer Pfarrersfamilie mit liebevollen Eltern und der Allgegenwärtigkeit des Glaubens die Weichen gestellt wurden für sein späteres Leben. Eigentlich sei er kein Mensch, der Bücher schreibe. Ihm behagen mehr kurze, heftige Texte, und "alles, was über eine Predigt hinaus geht, ist schon zu viel".

 

Das Portal der Nikolaikirche habe ihn immer an ausgebreitete Arme erinnert, erzählt Führer. Und so habe er seine Kirche geöffnet für jedermann, für Atheisten und Kommunisten, für "die Leute da draußen, die verdummt und verstummt" sind.

 

Als die Partei das erste Mal Genossen geschickt hatte, habe er auch dies begrüßt in seiner für alle offenen Kirche. "Das war ein Fehler der Partei, denn jetzt wurden auch die Genossen vom Wort Gottes erfasst", scherzt Führer. Ein anderes Mal habe er bei der Begrüßung die Mitarbeiter der Staatssicherheit bloßgestellt mit den Worten: Heute sind MIT SICHERHEIT 2000 Leute da."

 

Stets habe er die Kirchenbesucher aufgefordert: "Nehmt die Gewaltlosigkeit mit nach draußen." Denn damit habe der Staat nicht gerechnet: Kerzen und Gewaltlosigkeit. Anders sei es übrigens gar nicht möglich gewesen, denn zum Tragen einer brennenden Kerze brauche man zwei Hände, um den Wind abzuhalten. "Da kann man keinen Knüppel tragen oder Steine werfen." Dies sei glücklicherweise beherzigt worden auch auf der großen Demonstration am 9. Oktober 1989, als in Leipzig 70.000 Menschen durch die Stadt zogen und "Wir sind das Volk" skandierten. "Zum Glück gab es auch von der anderen Seite keine Gewalt", freut sich Führer. Und damals sei klar geworden: "Die DDR ist nicht mehr die alte."

 

Bis heute wurmt es ihn, dass nicht der 9. Oktober als nationaler Feiertag gefeiert werde. Ohne den hätte es keine Maueröffnung am 9. November 1989 und keine Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 gegeben. An die Zuhörer appelierte er, die Revolution, die aus der Kirche kam, nie aus ihren Herzen und ihren Köpfen zu verliegen.

 

OV 01. März 2010 (GeL)


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